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„Kaum jemand spricht darüber. Dabei ist sie sehr nützlich für jeden Hersteller."

Material Compliance Experte Simon Brack zur IEC 63000 Norm und was sie Herstellern heute bringt.

Simon, was ist die EN IEC 63000:2018 und warum ist sie wichtig?

Die IEC 63000:2018 ist der internationale Standard, der festlegt, wie Hersteller von Elektro- und Elektronikgeräten dokumentieren müssen, dass ihre Produkte die gesetzlichen Stoffbeschränkungen einhalten. Ursprünglich wurde sie 2018 als Grundlage für RoHS ins Leben gerufen. Aber es hat sich herauskristallisiert, dass sie letztlich zur Umsetzung vieler Regularien im Bereich der stofflichen Material Compliance anwendbar ist.

Und warum spricht kaum jemand über diesen Standard?

Weil die meisten Unternehmen wissen, dass sie beispielsweise REACH und RoHS erfüllen müssen. Sie fangen direkt damit an und fragen sich dann: Wie kann ich die Einhaltung der Regularien eigentlich zuverlässig nachweisen? Diese Frage beantwortet die IEC 63000, fast wie ein Leitfaden. Aber viele schauen sie sich nicht an.

Was genau regelt die IEC 63000?

Sie gibt Herstellern ein strukturiertes Vorgehen für ihre Material Compliance an die Hand. Diese basiert im Endeffekt auf drei Schritten: Erst die Risikobewertung: wo liegen die kritischen Materialien, Bauteile, Lieferanten? Dann die Lieferantenbefragung: Frage nach, wo das Risiko es erfordert oder wo noch Lücken in der Dokumentation sind. Und schließlich die Produktbeurteilung: die dokumentierte Aussage, dass das Produkt regelkonform ist.

„Die IEC 63000 erleichtert das Audit: Wenn Sie klare Material Compliance Prozesse nach dieser Norm nachweisen können, ist es sehr wahrscheinilch, dass Sie es im Griff haben.“

Kürzlich war eine Neuerung zum „risikobasierten Ansatz“ diskutiert worden. Was bedeutet das genau?

In den ersten drei Entwürfen des Normungsmandats hatte die Kommission beschrieben, dass verpflichtende Nachweise, zum Beispiel über Labortests, obligatorisch sein sollen, wenn nicht sichergestellt werden kann, dass bestimmte Substanzen unterhalb des Grenzwerts liegen. Unabhängig vom Risiko.

Das Technische Board von CENELEC hat diese Entwürfe abgelehnt. Im vierten Entwurf wurde der risikobasierte Ansatz wieder aufgenommen und erst dann wurde das Mandat angenommen. Ich halte das für richtig, denn eine Abkehr vom risikobasierten Ansatz hätte für Unternehmen einen erheblichen Mehraufwand bedeutet.

  „Der risikobasierte Ansatz sorgt dafür, dass Material Compliance handhabbar und umsetzbar bleibt.“

Und was bedeutet risikobasierter Ansatz genau?

Ganz einfach: Sie bewerten das Risiko und handeln danach Ihrer Einschätzung. Wenn beispielsweise ein langjähriger, zuverlässiger Lieferant ein unkritisches Metallbauteil mit bekanntem Material liefert, ist das Risiko gering – zusätzliche Nachweise sind dann nicht zwingend erforderlich. Wenn aber ein neuer Lieferant ein Bauteil mit unbekannter Zusammensetzung liefert, das potenziell gefährdende Substanzen enthalten kann, sollten Sie nachfragen oder einen Nachweis einholen.

Und wie hilft die Norm 63000 den Herstellern dabei?

Die Norm gibt ihnen die Möglichkeit auf Basis von Risikobewertung zu handeln, sie gibt ihnen dafür Spielraum auch um schlanke Prozesse abzubilden. Das gibt Sicherheit, weil Sie einem anerkannten Standard folgen und sich nicht selbst eine eigene Logik zusammenbauen müssen, die dann von der Marktüberwachungsbehörde hinterfragt wird.

Und die Entscheidung, dass der risikobasierte Ansatz weiterhin genügt, entlastet die Hersteller natürlich immens und hält die Norm umsetzbar ohne zusätzlich mehr Bürokratie zu schaffen.

Stichwort Marktüberwachungsbehörde: Was bringt die IEC 63000 rechtlich?

Wenn man nach dieser Norm dokumentiert, greift die sogenannte Konformitätsvermutung. Die Behörde geht davon aus, dass man die Anforderungen der RoHS-Richtlinie erfüllt. Sie prüft nicht alles im Detail nach. Das ist ein echter Vorteil, besonders beim Audit. Wenn ein Auditor in Ihre Material-Compliance-Abteilung kommt, können Sie direkt sagen: Wir arbeiten nach der IEC 63000. So ist dem Auditor sofort klar, dass Ihr Material Compliance Prozess klar strukturiert ist und dass Sie die Risiken einzuschätzen wissen.

„Wer offen und pro-aktiv kommuniziert, erfüllt die regulatorischen Anforderungen, beziehungsweise kann nachweisen, dass er sie ernst nimmt.“

„Wer gute Prozesse hat, hat gute Material Compliance.“

Welche Tipps hast du für Hersteller und Lieferanten zur Umsetzung der IEC 63000?

Ich halte die IEC 63000 tatsächlich für einen guten Leitfaden für Material Compliance Prozesse. Hinter dem Prozess steckt natürlich viel mehr: Nämlich, dass Material Compliance auch eine Frage von Kommunikation ist, von Vertrauen und guter Beziehungsarbeit mit seinen Lieferanten.

Die IEC 63000 führt meiner Meinung nach zu einer besseren Material Compliance Arbeit.

Wie unterstützt Substantio Unternehmen dabei, die IEC 63000 in der Praxis umzusetzen?

Substantio hilft genau dort, wo die Norm ansetzt: bei der systematischen Einholung und strukturierten Dokumentation von Nachweisen aus der Lieferkette. Wir unterstützen den risikobasierten Ansatz, indem wir alle artikelbezogenen Informationen einbeziehen – für eine fundierte Risikobewertung. Wenn wir wissen, aus was ein Artikel hergestellt ist, müssen wir nicht auf jede Lieferantenantwort warten. Die Information liegt im Material selbst und ist zum Beispiel in Form einer Full-Material-Deklaration im System hinterlegt.

Dein Fazit – für alle, die jetzt anfangen wollen:

Vielen Dank für das Gespräch, Simon!

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